vom atmen der blumen

Als «contraste des formes» könnte man die Raum umfassende
Installation von Dino Rigoli im gepard14 nennen. Die Kontraste sind
genauso prägnant wie auf ihre Weise doch verbindend. Zurückhaltend
präsentiert der Künstler den Blick auf eine Wiese, auf Grashalme und
Blumen. Die Pflanzen sind präzise umrissen.

Sie bleiben aber schattenhaft diffus. Denn die Farbe ist nur «wässrig» aufgetragen,
als sei das Wiesenstück erst im Entstehen begriffen.
Die Pflanzen scheinen die Wand zu durchdringen, regelrecht aus ihr
herauszuwachsen.

Demgegenüber in sattem Blau und Braun einem irdenen gebrannten «Terra di Siena»
geometrische Formen, Kreise, die sich in ebenso bunten Brücken miteinander verbinden.
Sie erinnern an molekulare Strukturen, könnten demnach den
mikroskopischen Blick auf die vorhin erwähnten Pflanzen darstellen.

Sie sind nicht nur in ihrer abstrakt geometrischen Form Kontraste zu
den natürlich pflanzlichen Formen der Gräser und Blumen. Vielmehr
drängen sie sich in ihrer dichten und kräftigen Farbigkeit und
Malweise geradezu ins Blickfeld des Betrachters. Kaum in einer
Ansicht des Raumes bleiben sie verborgen, auch wenn man sich
abwendet, bleiben sie präsent.
Schliesslich führen einzelne dreidimensionale Objekte den Betrachter
in den Raum oder wohl eher von dort in die Wand.
Ein abstrahiertes Schiff befördert Löwenzahnsamen, die wir als kleine Fallschirmchen
aus dem Alltagkennen.

Die Durchbrechung von Räumen und Wänden war bereits in
früheren Arbeiten von Dino Rigoli ein wichtiges Thema. So ist das
Miniaturschiff mehr als nur geometrische Form, eher schon ein
Gefährt des Übergangs. Man erinnere sich nur an den mythischen
Fährmann Charon, der die Seelen der Verstorbenen über den Acheron
zur Unterwelt führt.

Und diese Art der Aufhebung und des Übergangs
ist in der Wandmalerei bereits impliziert: Sie wird nach dem Ende
der Ausstellung mit weisser Farbe übermalt, bleibt aber im Grunde
unter einer Schicht Farbe weiterhin bestehen. Im Gespräch erwähnte
Rigoli einen schönen Hinweis: Im türkischen Çatal Hüyük pflegte man
vor 8000 Jahren wahrscheinlich Bitten an eine Gottheit auf weiss
grundierte Wände zu malen. Sobald die Bitten in Erfüllung gegangen
waren, wurden sie mit einer weissen Kalkschicht überdeckt, so dass
Platz entstand, für neue Gebete.

Am Beginn der Ausstellung im Vorraum finden sich Zeichnungen,
die in engem Bezug zur Rauminstallation stehen. Einerseits sind es
Arbeiten, die in einer Serie entstanden sind. Sie verbinden, wie die
Wandmalerei, Pflanzlich Gegenständliches mit Geometrisch Abstraktem:
jeweils eine auf dem Blatt befestigte reale Blume mit geometrischen
Farbfeldern. Die Realität der Blume stösst kontrastreich auf die
Farbfelder, die aber nicht nur geometrische Form sind, sondern
Farbempfindung. Andererseits zeigt Dino Rigoli Zeichnungen, die über
mehrere Jahre hinweg entstanden sind. Sie sind nicht nur in der
Motivwahl spontan und frei, sondern auch im Malduktus grob und
gestisch. Sie als kindlich naiv zu bezeichnen, ist an dieser Stelle
sicher keine negative Kritik.

Vielmehr demonstrieren die Zeichnungen eine sprühende Kreativität, sind energiegeladen und surreal.
Bereits bekannte Themenkreise scheinen hier wieder auf und schliessen einen
Kreis mit der Wandmalerei: Pflanzen, Metamorphosen (Schmetterlinge und der Übergang von Leben zu Tod), Kontraste.

Dominik Imhof