die wichtigsten bilder…

“Die wichtigsten Bilder sind die, die ich noch nicht gemalt habe.”

Unterwegs zwischen Bildern und Wörtern,
Sprache und Malerei mit Dino Rigoli

Angesichts von Bildern nach Wörtern suchen…

mag ein anstrengendes Unterfangen sein, denn Bilder sagen bekanntlich mehr als tausend Worte; nur – beim Betrachten der Werke von Dino Rigoli ist die Erfahrung eine andere: Hier stellen sich die Wörter von selber ein, denn die Sprache der Bilder ist Ausdruck von Gedanken und Gestaltungen, die ihrerseits mit der Sprache literarischer und philosophischer Texte verbunden sind. Sprachbilder und Bildsprache von Gerhard Meier oder Robert Walser, von Novalis, Rudolf Steiner, Franz Kafka und Ludwig Hohl sind es, welche den Bildgestalter faszinieren und Gestaltungsprozesse initiieren: Am Anfang wäre also das Wort, das Wort aber ist Bild, und lesend stößt der Künstler auf Bildworte, welche er zur Bildsprache verdichtet. Dabei entstehen Bildfolgen, welche den Blick auf die weitläufige Landschaft des Erlebens und den uferlosen Fluss des Sprechens freigeben und darüber hinaus die imaginäre Landkarte des Bewusstseins und des Denkens erweitern.

Der Blick von außen auf die Innensicht des Ganzen…

wie er sich in und aus Dino Rigolis Arbeiten erschließt, erfordert vom Betrachter eine Bewegung, die weder gedacht noch beschrieben, nur vollzogen und erfahren werden kann: Das Überschreiten der äußeren Grenzen gibt den Blick frei auf das Gesamte von Landkarte und Landschaft; das unerreichbare Innere wird dabei nach aussen gewendet und sichtbar gemacht – wie bei einem Himmelsglobus in umgekehrter Richtung das entfernte Äußere auf eine Kugel hereingeholt und verinnerlicht wird. In solch spannungsreichen, weit gespannten, grossräumigen Bezügen entstehen Dino Rigolis Bildgedanken – an der Grenze zwischen Farben und Worten, Linien und Sätzen, Formen und Sprache, unterwegs in Raum und Zeit. Sie werden zunächst festgehalten in Notizen- und Skizzenbüchern, nehmen als Vorstudien sichtbare Gestalt an, bevor sie im weiteren Schritt für Schritt, Strich um Strich entfaltet und ausgeführt, gestaltet, gemalt, in Form gebracht und in Bildsprache übersetzt werden.

Den Gesetzen der Malerei nachspüren…

und beim Übersetzen aus der einen in die andere Sprache den unendlichen Gestaltungsmöglichkeiten von Farbe und Form, von Punkt, Linie und Fläche tastend vorgreifen – diese Suchbewegung stellt ein machtvolles Gegengewicht zum Gedachten und Besonnen, zum Gelesenen und Beschriebenen dar: Denn das Malen folgt eigenen Gesetzmässigkeiten, die Fläche verlangt die Farbe, Punkt und Linie verbinden sich zur Form; die Malerei spricht ihre Sprache – jenseits des Gesprochenen und Erdachten. Nur dass der Gehalt dieses Erdachten und Gesprochenen dem Reichtum jener Sprache entspricht, dass im Gemalten das Gedachte sich spiegelt, zum Entdecken und Erkennen auffordert, auch wenn das gemalte Bild zuerst gesehen, betrachtet und unmittelbar erfahren wird – hier und jetzt, in endlicher Gegenwart.

Die Unendlichkeit des Punktes im Raum wiederentdecken…

und sichtbar machen, in diese Richtung bewegen sich die Bildfolgen, die Linien oder Reihen, welche die anfänglichen, ungeordneten Gedanken auf die vergleichsweise geordneteren Bahnen ihrer Übersetzung und Ausführung lenken. Dabei sind es immer wieder Aspekte und Dimensionen von Gegensätzen und Spannungsfeldern, welche in den Folgen erkundet und als Serien gestaltet werden: Die so entstandenen Bilder wirken dann wie die umfassenderen Bildfolgen klar und streng, strahlen Ausgewogenheit und Ordnung aus, während das Neben- und Auseinander der verschiedenen Reihen und Objekte die widersprüchliche Fülle des Ganzen, die Unmittelbarkeit des Horizonts wie die Unendlichkeit des Punktes und schließlich das Chaos des Ursprungs ahnen lassen und wach halten. Denn auch wenn anfänglich die Wörter Ordnung schaffen, so ist es doch das Chaos, aus dem sie hervorgehen und dem sie wiederum entgegentreten, wie die Ruhe erst mit dem Laut zum Bewusstsein ihrer selbst kommen kann.

Stille Stellen im Getöse von Geschäftigkeiten…

und Betriebsamkeiten sind es denn auch, welche Dino Rigoli aufsucht und abschirmt, denn der Rummel und das Marktschreierische sind seine Sache ebenso wenig wie Effekthascherei oder Kunstlärm: In seinen Werken wie in den persönlichen Begegnungen tritt der Künstler einem als Mensch der leisen Töne entgegen, dessen gestalterischer Reichtum und Ausdruck, dessen gedankliche Beständigkeit und Hartnäckigkeit mit der spürbaren Grösse und Wärme seines Herzens verbunden sind auf eine einzigartige Weise. Darum tut es gut, sich auf Dino Rigolis Bilder, auf seine Bildsprache einzulassen, mit ihm in eine andere und zugleich eigene Welt einzutauchen, seine Gedankengänge nachzudenken und seinen Gestaltungsfolgen nachzugehen: Weil sie von Anfang an mit der Sprache verbunden sind, machen sie nicht sprachlos, sondern verleiten als Bildwörter zum behutsamen Gespräch über gemalte und ungemalte Bilder.

Nidau, im Januar 2001 Dr. Johannes Gruntz-Stoll